Deutsche Tugend in koreanischem Gewand.

25 Jahre lang gibt es den Niederfischbacher Taekwondo-Verein. Das ist vor allem das Verdienst von Eckard Schlechtinger, der dafür stets mit Herz, Seele und viel Körpereinsatz im Einsatz war.

Klaus Schneider aus Wehbach (69) ist Schlechtinger ältester Schüler beim Taekwondo-Verein Föschbe.

Klaus Schneider aus Wehbach (70) ist Schlechtinger ältester Schüler beim Taekwondo-Verein Föschbe.  

Der Virus des Taekwondo erwischte ihn Anfang der 1980er-Jahre in Gestalt des koreanischen Meisters Kwon Jae-Hwa. Der hatte ab 1965 an vielen Orten in Deutschland seine Schulen gegründet – seine Spielart des Taekwondo beruht auf den uralten koreanischen Wurzeln dieser Kampfsportart, verzichtet aber auf Körperkontakt: „Draufkloppen kann jeder“, erklärt Schlechtinger, „aber mit voller Kraft zuschlagen und drei Millimeter vor dem Gesicht des Gegners abstoppen – das ist die Kunst. Es geht um die vollkommene Körperbeherrschung.“
In Niederfischbach wird somit nicht die olympische Form des Taekwondo gelehrt, bei der es, wenn auch nach strengen Regeln, mit schmerzhaftem „Vollkontakt“ zur Sache geht – bis hin zum k. o. „Bei Kwon Jae-Hwas Schule heißt das Motto ‚Aufbauen, nicht zerstören‘. Es geht um Beweglichkeit und Schnelligkeit“, sagt Schlechtinger. „Es ist eine Kampfkunst, die dem Kung Fu ähnelt.“


Kung-Fu-Filme mit Bruce Lee

Damit sind wir bei den Anfängen: Bruce Lee. In Schlechtingers jungen Jahren gab es noch zwei Kinos ins Föschbe. Eins davon hieß „Zum Anker“. Hier wurden die Kung-Fu-Filme mit Bruce Lee – der diesen Sport nicht nur mimte, sondern meisterhaft beherrschte – zur „Einstiegsdroge“ für den Jugendlichen. „Meine Freunde und ich wollten alle Kampfsport machen“, erinnert sich der 54-Jährige, „wir haben uns in der Region umgeschaut – und landeten 1981 in Siegen bei der Kampfsportschule Peter Duchnik. Der war ein Schüler von Kwon Jae-Hwa…“
1984 erlebte Schlechtinger dann eine Trainingsvorführung von Kwon Jae-Hwa in München im Zirkus-Krone-Bau. „Das hat mich nie mehr losgelassen.“ Er trainierte hart, steigerte sich, schaffte 1988 den Schwarzgurt, den 1. Dan. Bis zum 9. kann man es bringen im Taekwondo. Ein Streben nach Vervollkommnung, ein Leben lang. „Der Geist besiegt die Materie“: Eckard Schlechtinger, Gründer und Motor des Taekwondo-Vereins Niederfischbach, erklärt so, dass der koreanische Vater seiner Schule, Kwon Jae-Hwa, Flusskiesel mit der Faust zerschlagen kann. Unter anderem im Jahr 1991 erlebte Schlechtinger ihn in München (Plakat im Hintergrund).

1991 folgte die Gründung der ersten Taekwondo-Schule in der Niederfischbacher Auengartenschule. Im Frühjahr 1994 wurde die Schule dann im heutigen „Taekwondo-Center“ an der Konrad-Adenauer-Straße 66 durch Kwon persönlich eröffnet, der eigens aus New York City anreiste. Sechs Sportbegeisterte waren als Gründungsmitglieder mit Schlechtinger am Start; heute ist nur noch seine Frau Dorothea im Vorstand.
„Tae“ ist Koreanisch und heißt Fuß; „Kwon“ bedeutet Faust und „Do“ Geist. Mit Vorurteilen von geistig unterbemittelten Muskelmaschinen, die keinem Kampf aus dem Weg gehen, um ihr Ego aufzupolieren, liegt man bei Schlechtinger falsch. Das Training, das er damals in Siegen lernte, vermittelt er bis heute: Power, Disziplin, Respekt. Seine Schüler lernen Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Konzentration – deutsche Tugenden in koreanischem Gewand. „Das nehme ich sehr ernst, und das wissen meine Schüler“, sagt er. Heute sind 100 Mitglieder im Alter zwischen fünf und 69 Jahren im Verein: „Alles Aktive. Passive haben wir nicht. Bei uns bewegen sie sich alle, auch am zweiten Weihnachtsfeiertag und am zweiten Ostern.“


Prüfungen zu höheren Dan-Graduierungen

Auch diese Arbeitsmoral hat er von Kwon Jae-Hwa. Der koreanische Kampfsport-Star, der im Januar 80 wird und heute bei San Francisco lebt, war drei Mal zu Gast in Schlechtingers Schule: 1994, 2010 und 2012. 1993, 1998 und 2003 war Schlechtinger bei Kursen des Meisters in New York. Mit den Jahren des Unterrichtens und des Trainings legte er die Prüfungen zu höheren Dan-Graduierungen ab; 2009 meisterte er unter den kritischen Augen von Kwon in Miami die Prüfung zum 5. Dan und trägt seitdem den Titel „Sabum-Nim“ (Großmeister). Im April 2016 beschritt er die nächste Stufe und machte auch den 6. Dan.
Der gelernte Schreiner, der beim Marien-Seniorenheim in Siegen in der Haustechnik tätig ist, besucht regelmäßig Lehrgänge bei anderen Großmeistern und kommt gerade von einem Kurs aus Florida zurück. „Das Training war hart“, lacht er, „aber wie sagte Kwon immer, wenn wir nach einer Pause fragten: Das Leben ist zu kurz für Pausen.“

  • Das Taekwondo-Center Niederfischbach ist montags bis freitags von 18 bis 21 Uhr und samstags von 15 bis 16 Uhr geöffnet – auch in den Ferien. Alle Stunden (16 pro Woche) gibt Großmeister Schlechtinger persönlich. Neulinge aller Altersgruppen sind willkommen; ein einmonatiges Probetraining ist möglich. Infos über den gemeinnützigen Verein, über Training und Mitgliederbeiträge (mit denen die Miete der Räume bezahlt wird) auf der Website  www.taekwondo-center-niederfischbach.deoder per Mail an eckard.schlechtinger@gmx.de

Text und Photos von Redakteur Peter Seel (Rheinzeitung)

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